Dienstag, 2. August 2011

Mit meinen Augen

Ich weiß wie kaputte Menschen aussehen. Ich weiß es.
Ich habe sie gesehen, kaputte Menschen. Ich habe viele, verschiedene kaputte Menschen gesehen.
Ich habe ein Mädchen gesehen, wie sie dasitzt. Eine Flasche in der Hand, tiefe, sehr tiefe Narben auf ihrer Haut. Buchstaben, Linien, Sätze, die sich über ihre Haut ziehen. Und auch wenn sie manchmal lacht, laut lacht, frei lacht, weiß ich, es wird nicht wieder gut.
Ich habe einen Jungen gesehen, die Unterarme auf die Knie gestützt, den Kopf gesenkt sodass ihm die langen Haare ins Gesicht fallen. Es sieht aus, als würde er schlafen, aber in Wirklichkeit schaut er auf den Boden. Minuten, Stunden, Tage.
Ich habe ein junges Mädchen gesehen. Eine, die gerne lacht, die gerne albern ist. Ein wunderschönes Mädchen. Die Narben auf ihrer Haut sind schon verblasst. Bloß eine Jugendsünde. Sie ist anständig. Doch auch sie ist irgendwie kaputt. Ich kenne sie sehr gut. Sie unterscheidet sich von anderen, denn sie hat zu viel gesehen. Mehr als ich vielleicht. Sie sieht ihre Schwester sterben, direkt vor ihren Augen verschwinden. Und ich weiß, wenn ihre Schwester stirbt, lacht sie nicht mehr. Nein, wenn ihre Schwester stirbt, dann wird sie mit ihre gehen. Das ist, was ich gesehen habe. Ich sehe das und kann nicht helfen.
Ich weiß wie kaputte Menschen aussehen. Ich weiß, wie sich das anfühlt.
Warum hat mich das nicht abgeschreckt? Das hätte es doch tun sollen, oder nicht? Hätte mir eine Warnung sein sollen, oder? Tja, ich bin mittendrin und irgendwie froh darüber.

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