Musik und Gelächter wehten zu uns herüber. Er sah mich wieder an, ich senkte den Kopf. "Weißt du, mein Leben zerbricht zwischen meinen Händen." begann ich.
"Ich habe seit einiger Zeit ein Problem. Mehrere Probleme..." Als er mich so ansah, besogt, verständnisvoll, zog ich langsam meinen Ärmel hoch und legte meinen nun nackten Arm auf sein Knie. Sanft nahm ich seine Hand und ließ seine Finger über die Narben gleiten. Er sog einmal scharf Luft ein, als er sie spürte.
"Warum?" fragte er nur. Ich nickte. Ich hatte diese Frage erwartet. Eigentlich hatte ich mir geschworen es niemandem zu sagen, aber immerhin war er mein bester Freund. Er würde mich unterstützen und mich verstehen. Sich Sorgen, aber mich niemals drängen.
Ich legte meine Hände wieder in meinen Schoß und begann nervös mit meinen Fingern zu spielen.
"Ich weiß nicht genau." gab ich zu. "Es befreit mich für eine Weile, solange es blutet, von meinen Problemen. Ich fühle mich so schrecklich fett und ekelhaft. Und ich versuche stark zu sein damit niemand merkt wie verletztlich ich bin. Bei mir zu Hause ist alles so... . Der dauernde Streit. Der Blick in den Spiegel, der mich so anwidert. Ich habe so viel versucht um dünner zu werden und jetzt habe ich endlich eine Methode gefunden die anzuschlagen scheint." Ich versuchte mich an einem zaghaften Lächeln, während er mir noch immer zuhörte.
"Ich esse einfach nicht. Und in der Schule tue ich einfach so, als würden mich die Worte der Anderen nicht verletzten. Ich weiß ja, dass sie nur Spaß machen. Wenn sie lachen und sagen ich sei zu fett, weiß ich dass sie das nicht ernst meinen. Jedenfalls nicht richtig. Denn in jedem Scherz steckt ein bisschen Wahrheit. Und wenn sie soetwas sagen, dann verdrehe ich die Augen, lache, grinse und wenn ich in Kämpferstimmung bin, zeige ich ihnen den Mittelfinger, damit niemand merkt wie sehr mich das verletzt."
Inzwischen hatte er den Arm um mich gelegt und mich an sich gezogen. Ich schlug die Hand vor den Mund als ich spürte wie ich zu weinen begann.
"Wenn ich dann wieder zu Hause bin, erinnere ich mich an ihre Worte und das Lachen. Daran wie verletztend es war. Und dann sehe ich mich im Spiegel und mir wird schlecht. Also fresse ich trotzdem, beuge mich dann über die Toilette und kotze, nur um am nächsten Tag zu hören wie fett ich doch bin."
Schluchzend lehnte ich mich an ihn. "Mein Leben ist nichts wert."
Als ich geendet hatte, hielt er meinen zitternden Körper fest im Arm und strich mir übers Haar. Über uns explodierte ein Feuerwerk, man hörte die Menschen jubeln.
"Von jetzt an, kämpfen wir zusammen, versprochen." flüsterte er. Wie gut mir seine Worte taten und wie sehr ich ihm glaubte. Er war mein bester Freund. Ich hatte ihm das alles erzählt und er hatte zugehört. Er verstand mich, er war für mich da. Ich war nicht mehr allein...
-Ich schlug meine Augen auf. Ein Traum. Es war ein Traum. Kein bester Freund, der mich in seinen Armen hielt, kein Feuerwerk. Nein, da waren nur ich, die Dunkelheit und die Einsamkeit. Klar, wäre ja auch eine absurde Idee gewesen das Alles, meine fast komplette Geschichte, jemandem zu erzählen. Nein, mein 'bester Freund' würde das nicht verstehen, nicht zuhören, nicht mit mir kämpfen und ich würde ihm nie erzählen, was ich fühlte. Ich war eine Einzelkämpferin. War immer so, wird immer so sein. Allein.

